Als zum erstenmal überhaupt Johannes
Kepler 1609 die Bewegung der Planeten im Sonnensystem gesetzmäßig
beschrieb, geschah dies geometrisch, d.h. auf räumliche Grundlagen
gestellt, und aus dem Abgleich der Planetendaten, die Kepler in ihren Verhältnissen von Orten, Zeiten und Helligkeiten vorlagen, ergab sich die Ellipse als Diagramm.
Kepler hat den Überlieferungen zufolge
nie selbst Planetenbeobachtungen durchgeführt. Er hätte
es zu seiner Zeit ganz praktisch auch noch nicht gekonnt, denn er war stark kurzsichtig und die physikalische Optik wie die Herstellung von optischen Linsen erst in ihren Anfängen.
Die Ellipse als Bild einer räumlich
wie materiellen Abhängigkeit war also von Beginn ihrer Entdeckung an eine gerechnete und abstrahierte Erscheinung, deren Form nicht durch Anschauung erlangt worden war.
Erst die Gesetzmäßigkeiten Newtons
und die Leibniz´, die, um einiges zwar noch komplexer und in
ihrer Beschreibung auch noch abstrakter waren, haben das Mißverhältnis zwischen physikalischem Ablauf und begrifflicher Bezeichnung aufheben
können und haben mit Hilfe dieser Abstraktion die Planetenmathematik Keplers in die Gravitationsphysik der Aufklärung integrieren können. Neueren Erkenntnissen zufolge zeichnen die Planeten- und Mondenbahnen eher eigenwillige
und wackelige Kurse spiraliger Abkunft als exakte Ellipsen und
dennoch können ihre Bahnen immer noch näherungsweise
durch Ellipsen beschrieben werden.
Damit steht für unsere Betrachtung bereits fest, daß die Ellipse
abseits ihrer mathematischen Definition in den Räumen der
Anschauung stets eine Annäherungsform, ein Kürzel und
ein Ankerpunkt für Bedeutung war, oder einfacher, sie war
dort immer schon ein Bild.
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Untersuchen wir, erste Stufe einer den eigenen
Körper betreffenden Selbstreflexion, unseren retinalen Ausschnitt
von Welt, so erkennen wir in der Form des Feldes optischer Wahrnehmung,
im Gesichtskreis, wiederum die Ellipse. Unser Gesichtsfeld ist
stärker horizontal betont als vertikal ausgerichtet und registrierte
Raumausschnitte sind infolgedessen in ihrer Breite auch bewußter
einzuschätzen und zu kalkulieren, als in der Höhe. Die
stereoskopische Fähigkeit hingegen ermöglicht die Wahrnehmung
von Raumtiefe und von Plastizität, dürfte also keinesfalls
schon als binokulare Analogie der Ellipsenbrennpunkte gedeutet
werden. Der Wahrnehmung nämlich fehlen diese Punkte und ihre
konstruktive Existenz ist ihr suspekt.
Was wir sehen, registrieren wir infolgedessen
als mengenmäßigen Bestandteil eines eher undeutlichen
und weichen, elliptischen Rahmens.
Warum erzähle ich Ihnen das?
Nun, durch beide bislang geschilderten
Bedingungen läßt sich absehen, daß als konturierte
Form, als Hülle, die Ellipse nur mathematisch scharf begrenzt
ist, als Gegenstand der Wahrnehmung dagegen unscharf ist, vibriert
und leicht verschwimmen kann.
Den Grund dafür entdecken wir, wenn
wir die Form aus ihren sie konstituierenden Bedingungen, also
konstruktiv betrachten. Wir wissen, daß die Ellipse als
Ergebnis eines schrägen Kegelschnittes eine allgemeine Erscheinungsform
des Kreises ist, oder einfacher, sie ist eine symmetrische Rundform
mit zwei Mittel- oder Brennpunkten. Die radialen Längenbeziehungen
in der Ellipse entspringen Dreiecksfunktionen, eine Beobachtung,
die man sich bei der Konstruktion einer sogenannten Gärtnerellipse
zunutze macht.
Soweit die Schilderung der wiederum mathematisch-geometrischen
und konstruktiv immanenten Grundlagen.
Zur Beschreibung der Grundlagen, mit der
Ellipsen sich im Formenrepertoir natürlicher Gegenstände
abbilden, müssen wir gänzlich andere Mittel einsetzen.
Denn während die Mathematik in der glücklichen Lage
ist, beide Brennpunkte mit funktionalen Bedeutungen festlegen
und definieren zu können, ist in der physikalischen Welt
schon mindestens einer der Ellipsenbrennpunkte leer.
So wie die Erde in ihrer Bahn um nur eine
Sonne sich dreht und dabei eine Ellipse mit nur einem sagen wir
realen Brennpunkt zeichnet, ignoriert auch Keplers zweites Planetengesetz,
daß die Bahnellipsen eigentlich zwei Mittelpunkte haben
müßten.
Eine solche Konstruktion stünde aber
im Widerspruch zur Mathematik und hätte freilich harsche
Konsequenzen. Was ist geschehen?
Das Dilemma kündigt sich bereits im
gängigen Sprachgebrauch an: ein Planet, der eine Sonne umkreist
- im Kreis wird ein Brennpunkt argumentativ unterschlagen - befindet
sich in seiner Lage, Bewegung und Geschwindigkeit in einer berechenbaren
Abhängigkeit, die sich aus einem dynamischen Gravitationsgleichgewicht
beider Körper ergibt. D.h. wenn man den einen wegnehmen
könnte, würde sich die Situation des zweiten grundlegend
ändern. Für diese Aussage selbst sind aber die an sich
verschiedenen Körper des Planeten und der Sonne prinzipiell
austauschbar.
Unabhängig voneinander ist ihre aktuelle
Situation also nicht erklärlich und losgelöst voneinander
würden sie einzeln völlig anders sich bewegen, anders
aussehen und anders sich zusammensetzen. Sie wären etwas
gänzlich anderes, weil sich ihre Geschichte, ihre Gegenwart
und ihre Zeitreise in eine Zukunft anders abspielen würde.
Die Systemforschung spricht in solchen
Fällen von sogenannten double-binds, von Verhältnissen,
bei denen die Zuordnung von Abhängigkeiten nicht eindeutig
ist. Der Zustand eines Elementes in einer solchen Beziehung ist
unlösbar mit dem des zweiten Elementes verknüpft, so
daß es nicht möglich ist, eine Aussage, die man über
die Situation dieser Elemente treffen möchte, ausschließlich
auf eines davon zu beziehen und zu reduzieren. Was als logische
Paradoxie daherkommt, entpuppt sich in kybernetischen Überlegungen
aber als sehr stabile Funktion.
Die immanente Nicht-Eindeutigkeit nämlich
ist vorhersehbar und nicht ambivalent, d.h. sie ist statistisch
beschreibbar und gehorcht einem Gesetz. Funktional ist das etwa
vergleichbar mit den Folgen aus Heisenbergs Unschärferelation.
Damit aber offenbart das Ereignishafte
sich auch als eine Qualität, die selbst produktiv ist, die
also Informationen freisetzt und Kommunikation möglich macht.
Erklärtermaßen ist ein Ereignis nicht ohne ein anderes,
es existiert alleine nicht.
Gerne würde ich sagen, diese Qualität
sei eine Gesetzmäßigkeit der Koexsistenz, aber das
bedürfte dann doch noch einiger weiterer Überlegungen.
Sicher aber ist, daß um diese Stelle - einen Ereignisort
im Raum - das Doppelelement aus anteiligen Bezügen gleichgewichtend
kreist, nur, daß man der Anschaulichkeit halber dafür
die Betrachtungsebene wechseln muß. Man muß nämlich
qualifizieren, statt zu quantifizieren.
Auf diese Weise wäre es also möglich,
sich den immer noch fehlenden zweiten Brennpunkt der einigermaßen
komplizierten Bewegung modellhaft vorzustellen. Ohne eine Dialektik
zu benutzen, qualifiziert in unserem Fall die Visualisierung des
Brennpunktes eine wechselseitige Abhängigkeit als eigentlichen
Ankerpunkt von Bedeutungen.
Warum erzählt der das werden Sie fragen.
Was hat das mit Kunst zu tun und mit den versammelten Arbeiten
hier in dieser Ausstellung?
Das Ausstellungsprojekt ellipsegründet
auf dem Versuch, brennpunktartig zwei extreme Positionen künstlerischer
Praxis zu konzentrieren. Dazu wurden Künstlerinnen und Künstler
eingeladen, die dezidiert konträre Positionen innerhalb der
Gegenwartskunst vertreten.
Standpunkten der kontextuell geprägten
Kunst - die sich durch Fragen zum Umraum, der sozialen Situation
und zu politischen Informationen auszeichnet - sind jenen von
Künstlerinnen und Künstlern gegenübergestellt,
deren Werke ebenso entschieden für die ästhetische Autonomie
der Kunst - also eine unbedingte Freiheit - einstehen wollen.
Um einen Dialog in Konfrontation und gegenseitiger Ergänzung
zu ermöglichen, wird in der Ausstellung untersucht, ob -
und wenn, in welchen Beziehungen - diese derzeit extremsten ästhetischen
Versuche zueinander stehen, und inwieweit situative gesellschaftliche
Bedingungen an sie herangetragen oder von ihnen gefordert werden.
Sie sehen, um zu verstehen welche Art von
Auseinandersetzung in dieser Ausstellung gesucht wird, waren die
bislang vorgetragenen Zusammenhänge durchaus sinnvoll.
Addiert man hinzu, daß in der Folge
einer zunehmend beobachtbaren Zergliederung und Auffächerung
von Kulturangeboten auch dort die Vehemenz der Auseinandersetzungen
mittlerweile zunimmt, und argumentative Schieflagen dann entstehen,
wenn selbst pointierte und in konkreter Gegenrede formulierte
künstlerische Standpunkte ohne Präsenz ihrer vorausgesetzten
Bezüge gezeigt wurden, dann zeigt sich deutlich, daß
mit den Behauptungen jedweder Autonomie sehr vorsichtig umgegangen
werden muß. Hinzu kommt, daß Kunstwerke in ihrer so
verstandenen öffentlichen Präsentation leicht zu instrumentalisieren
und auch in einer ästhetischen Entortung zu diskutieren sind.
In einem dialogischen Feld will die Ausstellung
ellipse dazu ein Diskussionsforum schaffen, die dynamischen Beziehungen
zwischen den Positionen untersuchen und deren Ergebnisse in zwei
Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich machen.
Die erste Ausstellung "ellipse.sea"
sehen sie hier. Gezeigt sind Arbeiten, mit denen die Diskussion
als Thesenforum eröffnet wird.
Die zweite Ausstellung "ellipse.com"
wird im September 1998 im Potsdamer "Waschhaus" stattfinden.
Dort werden die in der Diskussion entstandenen und durch Konfrontation
angeregten Arbeiten in einem multifunktionalen Umraum dann weiträumig
Gelegenheit haben, auch konkret Stellung zu beziehen. Die gemeinschaftliche
Präsentation wird aber wie hier jede Form der Ausgrenzung
vermeiden und versuchen, eventuell bestehende argumentative Abhängigkeiten
zwischen den Einzelprojekten aufzuzeigen.
In der Ausstellung hier sehen Sie dazu
Vorschläge, Skizzen und Konzepte. Alle Beteiligten waren
gebeten worden, sich des Themas Ellipse anzunehmen und Entwürfe
vorzustellen, die sich mit der geschildert eigenartigen Doppelstruktur
dieser Form auseinandersetzen. Die entstandenen Beiträge
reichen von abbildhaften und malerisch-zeichnerischen Visionen
bis zu dem, was die gängige Kunstkritik stets spröde
nennt: begrifflich bestimmte Beschreibungen bald abstrakter Wortwörtlichkeit.
Sie werden mir verzeihen, daß ich
nicht jedes Werk einzeln vorstelle. Bei der Menge an Arbeiten
könnte ich dieser Aufgabe gar nicht gerecht werden und ich
würde zudem schon vorwegnehmend etwas deuten, von dem eine
Konkretion erst in etwa einem Jahr erwartet wird. Als selbst teilnehmender
Künstler verbietet sich mir die kommentierende Pose allemal,
denn die vorgestellte Version des double-binds kann mich wohl
kaum aus der Verantwortung entlassen, Teil der Diskussion zu bleiben.
Sie dürfen aber sicher sein, daß die Polarisierung
der künstlerischen Standpunkte Ausdruck eines gemeinsamen
Zieles ist: der Kommunikation.
Im Wagnis der direkten Konfrontation extremer
Positionen und mit dem Ansatz, der Beliebigkeit ästhetischen
Einerleis zu begegnen, zielt das Projektes "ellipse"
auf Brisanz. Was Sie hier sehen können, ist die Einrichtung
einer gewagten Werkstatt: Pläne, Werkzeuge, Modelle und Experimente
sind prozessual und eher funktional versammelt, um griffbereit
zu sein und erreichbar. Und in einer sehr spannenden Version von
der Darstellung einer Arbeit sehen Sie im Gegensatz zu repräsentativ
eingerichteten Ausstellungen die Mittel der Kunst, und nicht deren
Ergebnisse.
In den unzähligen Durchgängen,
in denen Ideen um ihren konkreten Kern, ihre selbstgestellte Aufgabe
kreisen, offenbart sich durch die Beobachtung der dabei gezeichneten
Form, dem Diagramm des zurückgelegten Weges, ein zweites
Zentrum, das auch perspektivisch die Form selbst als Ellipse bestimmt.
Sie dürfen das Imagination nennen, aber eigentlich handelt
es sich um ein Zugeständnis an Koexistenzen. Mit seiner Benennung
als ferne Konkretisierung oder konkrete Ferne käme man dem
Sachverhalt schon näher.
Mit dem, was Kepler nicht sah, aber zum
Wissen machte, und dem was Newton wußte und zur Gewißheit
machte, ließ sich mit Leibniz auch das Ungewisse berechnen.
Was Sie hier sehen, ist eine solche Rechnung.
Ich wünsche Ihnen einen schönen
Abend.